Bedürfnisse als Fundament menschlichen Handelns

Ein Grundpfeiler „Mediativer Kompetenzen“ (MedCom®) ist die Aufmerksamkeit für Bedürfnisse und Interessen, sowohl der eigenen, als auch der von anderen Personen. Die interpersonale Hirnforschung bestätigt: Bedürfnisse sind zentrale Treiber für menschliches Handeln.

Wenn Bedürfnisse befriedigt werden, entstehen angenehme Emotionen, das Wohlbefinden steigert sich. Unbefriedigten Bedürfnissen führen zu unangenehmen Emotionen (Enttäuschung, Scham, Ärger) und darauf aufbauende Verhaltensweisen. So erleben die Beteiligten in Konflikten, dass zentrale Bedürfnisse von ihnen nicht befriedigt werden können. Im Alltag gelingt es den meisten Menschen nicht zu differenzieren, welche Bedürfnisse sie gerade steuern. Wir verwechseln oft unsere Bedürfnisse mit den Strategien zu deren Befriedigung.

In unserer Arbeit beziehen wir uns auf unterschiedliche Bedürfnistheorien, wie sie u.a. von Max Neef, Marshall Rosenberg und David McClelland entwickelt worden sind. Für den Kontext Führung hat uns die Selbstbestimmungstheorie (Self-Determination Theory, SDT) von Edward Deci und Richard Ryan besonders inspiriert. Als Metatheorie liefert sie seit mehr als 30 Jahren Impulse für unterschiedliche Anwendungsbereiche (Lernen, Motivation, Gesundheit, …) und Kontexte (Schule, Teams, Organisationen,…).

In der Tradition der humanistischen Psychologie geht die SDT davon aus, dass Menschen aktive Systeme sind, die Herausforderungen gestalten, um zu wachsen und ihre neuen Erfahrungen in ein kohärentes Selbst zu integrieren. Aber dieser inhärente Entwicklungsprozess erfordert förderliche Bedingungen. Das soziale Umfeld kann das aktive Engagement, den individuellen Entwicklungsprozess entweder unterstützen oder blockieren. Diese Wechselwirkungen zwischen dem sozialen Kontext und der Integration und Internalisierung von externen Stimuli in die Selbststeuerung steht im Mittelpunkt von SDT.

In vielen empirischen Studien wurden in der SDT drei universelle psychologische Bedürfnisse ausdifferenziert, die zentral für die Steuerung menschlichen Verhaltens sind:

  • Verbundenheit
    Verbundenheit wird als ein zweiseitiger Prozess verstanden –  als soziale Eingebundenheit. Ich habe Bedeutung für die/den Anderen und diese haben Bedeutung für mich.
  • Autonomie
    Hier geht es nicht um Unabhängigkeit, oder Distanz in Interaktionen, sondern um das erlebte Ausmaß an Wahlmöglichkeiten:  ich kann entscheiden, wie ich mich verhalte, ich kann selbst etwas initiieren.
  • Kompetenz
    Das Bedürfnis nach Kompetenz wird dann erfüllt, wenn ich den Eindruck habe, auf für mich wichtige Aspekte einwirken zu können. Wirksam zu sein bei der Bewältigung von Herausforderungen. Im Unterschied zur Selbstwirksamkeitstheorie u.a. von Bandura bezieht sich das Erleben von Wirksamkeit aber nicht allein auf Ergebnisse.

Nach dem Verständnis der SDT ist die Befriedigung dieser Bedürfnisse Voraussetzung für individuelle Gesundheit, Motivation und Lebensqualität – und zwar in allen Kulturen.  Die Wege, die Strategien, die in unterschiedlichen Kulturen genutzt werden, um diese Bedürfnisse zu befriedigen, variieren. (Z.B. zwischen eher kollektiv oder individuell ausgerichtete Kulturen.)

Welche Impulse bietet die SDT für Führung? Einige Beispiele:

  • Beim Selbstmanagement darauf zu achten, in welchen Situationen die eigenen psychologischen Bedürfnisse befriedigt werden, oder auch zu kurz kommen > die Aufmerksamkeit für eigene Bedürfnisse zu schärfen.
  • Die Perspektive des Anderen einnehmen, nachvollziehen können, welche Bedürfnisse für den Anderen zur Zeit (nicht) erfüllt werden.
  • In der Personalführung die negativen Auswirkungen von Drohungen, Überwachung, Fristsetzungen oder regelmäßigen Beurteilungen auf die Bedürfnisse nach Autonomie und Kompetenz wahrnehmen zu können.
  • Die Autonomie der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu unterstützen, indem Wahlmöglichkeiten eingeräumt werden, Raum für Eigeninitiative gegeben wird.

 

Eine umfangreiche Dokumentation der Forschungsergebnisse sowie Publikationen zur Anwendung von SDT in verschiedenen Kontexten findet sich : http://selfdeterminationtheory.org/

Richard M. Ryan and Edward L. Deci ( 2017): Self-Determination Theory. Basic Psychological Needs in Motivation, Development and Wellness.

Rigby, C. S., & Ryan, R. M. (2018). Self-determination theory in human resource development: New directions and practical considerations. Advances in Developing Human Resources, 20(2), 133-147.

Deci, E. L., Olafsen, A. H., & Ryan, R. M. (2017). Self-determination theory in work organizations: The state of a science. Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior, 4, 19-43.